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„Ich war zu verkopft“


Mitteldeutsche Zeitung - Saalekurier Halle, Saalekreis
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Datum: 11.04.2026

Kategorien: Sachgebiete: Einrichtungen: Informationen zum Artikel:

„Ich war zu verkopft“

Sachsen-Anhalt gehen die Zahnärzte aus. Nun soll eine neue Quote für das Studium helfen. Paula Demmer kam dafür aus Nordrhein-Westfalen nach Halle – und verpflichtet sich, zehn Jahre auf dem Land zu arbeiten. Warum will die 21-Jährige das? Ein Treffen in der Uni.

Von Lisa Garn

Paula Demmer drückt die Klinke der großen Holztür herunter. Dahinter steht am Institut für Anatomie und Zellbiologie der Unimedizin Halle eine Gruppe Studierender zusammen. Die 21-Jährige schaut sich kurz suchend um, steuert dann eine Stuhlreihe an. „Der Hörsaal ist zu, aber hier ist ein wenig Ruhe.“ Sie will erzählen, wie sie in einer neuen Welt zurechtkommt, wie sich ihr Leben verändert hat. Seit Oktober studiert Demmer Zahnmedizin, sie kam aus Nordrhein-Westfalen über die Landzahnarztquote an die Uni in Halle. Diese Quotenregelung wurde 2025 in Sachsen-Anhalt eingeführt und soll helfen, den gravierenden Zahnarztmangel auf dem Land zu bekämpfen.

Über 250 Praxen verloren

Denn aktuell praktizieren laut Kassenzahnärztlicher Vereinigung (KZV) nur noch rund 1.400 Zahnärzte im Bundesland. Mehr als ein Drittel von ihnen ist 60 Jahre oder älter. Und schon jetzt ist es schwierig, Nachfolger für die Praxen zu finden. „In den vergangenen fünf Jahren hat das
Land über 250 Praxen verloren“, sagt KZV-Vorstandschef Jochen Schmidt. Der Mangel zeigt sich in vielen Regionen, besonders aber im Altmarkkreis Salzwedel, in den Kreisen Börde und Jerichower Land. Auch in Magdeburg bestehen bereits Engpässe.

Mit der Landzahnarztquote können junge Menschen ohne Spitzen-Abitur Zahnmedizin studieren. Im Gegenzug verpflichten sie sich, mindestens zehn Jahre
in unterversorgten Gebieten zu arbeiten. Jährlich zehn Prozent der Studienplätze in der Zahnmedizin sind für die Quote reserviert. Darüber haben nun vier Frauen ihr Studium begonnen.

Demmer wusste schon in der fünften Klasse, dass sie Zahnärztin werden will. Sie trug eine feste Zahnspange mit Brackets, die immer wieder abfielen. Später bekam sie Zahnschienen. Durch die Behandlung befasste sich Demmer mehr mit dem Thema. Sie interessieren Zähne zunächst in ihrer Funktion. „Ohne sie funktioniert Vieles nicht, Essen nicht, Sprechen nicht.“ Und sie faszinieren medizinische Möglichkeiten zum Beispiel bei Fehlstellungen. „Da geht es um Ästhetik. Ich schaue bei anderen schnell auch auf die Zähne. Das ist wie ein Reflex.“

Für das Zahnmedizin-Studium reichten aber Demmers Noten nicht. An den meisten deutschen Universitäten liegt der Numerus Clausus (NC), also der nötige Abiturschnitt für einen Studienplatz, zwischen 1,0 und 1,3. Wer den Schnitt nicht hat, kann auf Extrapunkte durch einen Medizinertest oder medizinische Vorerfahrungen hoffen. Aber es bleibt schwierig.

Langes Warten auf Termine

Dabei fehlen Zahnärzte deutschlandweit, gerade auf dem Land. Eine große Rolle spielt dabei der Trend zur Anstellung: Eine eigene Praxis scheuen die meisten, Uniabsolventen wollen lieber angestellt arbeiten und das vor allem in Städten. Zudem haben viele Ärzte ihre Arbeitszeit reduziert. Ein Problem in Sachsen-Anhalt ist, dass nur wenige Absolventen nach dem Studium im Bundesland bleiben. Die Folgen dieser Entwicklungen: Patienten warten oft lange auf Termine oder müssen weit fahren.

Demmer, die aus Siegen stammt, beendete die Schule mit der Abitur-Note 1,8. „Ich habe extrem viel gelernt. Aber ich bin zu verkopft reingegangen“, sagt sie heute. Für den Medizinertest war nach dem Abi die Vorbereitungszeit zu kurz. Dass sie nun zunächst nicht Zahnmedizin studieren konnte, war mental schwierig, sagt sie. Sie suchte eine Lösung, ließ sich zur Zahnmedizinischen Fachangestellten ausbilden.

Für Demmers Werdegang war diese Zeit wichtig, um zu reifen. „Ich wusste, dass das nicht mein Beruf sein wird. Ich wollte auf der anderen Seite sitzen und Patienten behandeln.“ Gerade die Monate in der Mund-Kiefer- und Gesichtschirurgie waren eindrucksvoll, so Demmer. „Dass man Zähne verschieben, auf andere Positionen setzen kann, das ist sehr spannend.“ Im Mai 2025 hatte sie die Ausbildung abgeschlossen und arbeitete weiter in der Praxis.

Nach ein paar Wochen erzählte ihr eine Freundin von der Landzahnarztquote, die in Sachsen-Anhalt eingeführt wurde. Demmer bewarb sich, durchlief einen Studierfähigkeitstest, in dem es auch um Wissen und Motivation geht. Zudem zählt die praktische Erfahrung wie eine Ausbildung im zahnmedizinischen Bereich.

Im Juli erhielt Demmer die Zusage. Sie war die letzte von insgesamt drei Töchtern, die das Elternhaus für das Studium verließ. Ihre Schwestern studieren Humanmedizin. „Wir fragen uns auch alle, woher das kommt“, sagt Demmer und lacht. Ihr Vater ist Ingenieur, ihre Mutter Grundschullehrerin. „Sie sind wahnsinnig stolz auf uns, dass wir unseren Weg machen.“ Mit Ostdeutschland hatte Demmer nie Berührungspunkte, „aber auch kein Problem. Unter Jüngeren gibt es diese Ost-West-Debatten nicht so“. Die Eltern einer Freundin stammen aus Sachsen-Anhalt, mit ihnen habe sie sich länger unterhalten. „Ich war komplett offen und wurde in Halle nicht enttäuscht. Alle sind sehr herzlich, ich fühlte mich gleich willkommen“. Die Stadt biete viel für jüngere Menschen, sie fand eine Wohnung im Zentrum, zum Institut für Anatomie läuft sie nur drei Minuten. Dort finden derzeit die meisten Kurse und Vorlesungen statt.

Mehr Gelassenheit

Die Verbindung nach Hause ist weiter eng, mit ihren Eltern und Freunden steht sie fast täglich in Kontakt. „Ich hatte nie Angst, wegzugehen. Aber klar: Manchmal vermisse ich mein Umfeld.“ Am Anfang wollte sie noch alle zwei Wochen nach Hause fahren. „Aber ich merkte schnell, dass das nicht geht. Mit dem Auto fährt man sechs Stunden für eine Strecke.“ Und sie wollte in Halle ankommen. „Das ist schwierig, wenn man nicht da ist.“

Demmer kommt im Gespräch schnell auf den Punkt, ist sehr klar in ihren Zielen. Wenn sie lernt, markiert sie die Seiten je nach Priorität mit verschiedenen Farben. Aber sie ist heute gelassener. „Ich lerne anders: nicht mehr einen Tag vorher noch ganz viel, sondern ich mache Pausen.“ Sie sucht auch mehr Ausgleich. „Ich habe in Halle Freunde, wir gehen ins Kino, in Clubs, verbringen eine gute Zeit zusammen.“ Sie brauche das, „damit der Kopf atmen kann“.

Und doch ist es auch eine weitreichende Entscheidung, sich als junger Mensch auf viele Jahre ambulante Tätigkeit in einer ländlichen Region festzulegen. Auch Demmer, die unbedingt Zahnärztin werden will, musste länger darüber nachdenken. „Ich wäre auch nicht bei meinen Eltern in der Nähe, die dann in Rente sind.“ Aber sie lasse sich auf das ein, was kommt. „Ich will auf dem Land arbeiten“, so die 21-Jährige, „weil der Patientenkontakt enger ist. Man weiß mehr und begleitet die Menschen länger“. Der Arzt habe auch eine soziale Funktion. „Das passt zu mir. Ich möchte einen guten Draht zu Patienten haben und mehr auf sie eingehen.“ Das sei in größeren Praxen mit hohem Durchlauf weniger möglich.

Höherer Druck

Doch Demmer wird in einem Beruf arbeiten, in dem sich Rahmenbedingungen verändert haben. Zahnärzte behandeln immer mehr Patienten, Fachkräftemangel, Budgetgrenzen und Bürokratie – der Druck ist gestiegen. Programme wie die Landzahnarztquote sollen helfen. Die KZV hat mehrere Projekte und Förderprogramme aufgelegt, unterstützt Praxisgründungen, vergibt mit dem Land Stipendien für Studienplätze in Ungarn. Doch die Wirkung werde sich erst langfristig zeigen, sagt KZV-Vorstandschef Schmidt. „Dann, wenn die heute Geförderten ihr Studium abgeschlossen haben und in den Beruf einsteigen.“

Politisch werde die Problematik inzwischen ernster genommen. „Die bisherigen Maßnahmen gehen in die richtige Richtung, reichen aber nicht aus, um die Versorgung perspektivisch flächendeckend zu sichern.“ Deshalb sollen bestehende Instrumente weiterentwickelt werden. So fordert die KZV eine höhere Vorabquote und den Ausbau der Studienplätze. Auch das Wissenschaftsministerium will diese Plätze „um eine mittlere einstellige Anzahl“ erhöhen, heißt es auf MZ-Nachfrage. Voraussetzung sei aber, dass der Landtag einem höheren Finanzbedarf zustimmt und dieser im Doppelhaushalt 2027/28 berücksichtigt wird. Zudem müssten unter anderem infrastrukturelle und personelle Rahmenbedingungen an der Uni geschaffen werden.

Demmer sieht die Landarztquote vor allem als eine Chance. „Ich habe nicht damit gerechnet, dass ich diesen Studienplatz bekomme. Es ist ein Traum, dass sich für mich diese Tür geöffnet hat.“ Sie ist sich sicher: „Viele haben ein Abitur, das für den Numerus Clausus nicht reicht, die aber gute Zahnärzte werden könnten. Sie brauchen diese Chance.“

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