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Sanfter Ton, radikale Pläne
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Datum: 11.04.2026
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Sanfter Ton, radikale Pläne
Zur Wahl im September nimmt die AfD in Sachsen-Anhalt Anlauf auf die absolute Mehrheit. Wie wahrscheinlich ist, dass es dazu kommt? Besuch des Parteitags
So viel Familienfest war selten: Die AfD Sachsen-Anhalt demonstrierte auf ihrem Landesparteitag maximale Harmonie. Die Debatte über das Programm für die Landtagswahl im September verlief in der Magdeburger Tagungshalle ohne jede offene Kontroverse, Änderungsanträge fielen meist durch, Anträge mit Konfliktpotenzial setzte man kurzerhand ab. Die parteiinternen Zerwürfnisse der jüngsten Zeit, beispielsweise der Anstellungsskandal der Partei, wurden überdeckt durch eine planvoll inszenierte Diskussion, nach deren Ende das Plenum das Dokument einstimmig verabschiedete.
Sachsen-Anhalt ist so etwas wie das Kernland der AfD, hier erreicht sie seit ihrem ersten Landtagseinzug 2016 überdurchschnittliche Wahlergebnisse. Lag sie 2024 in Umfragen noch gleichauf mit der regierenden CDU von Reiner Haseloff, ist die AfD mit fast 40 Prozent nun stärkste Kraft – auch weil es seitdem für die meisten anderen im Land steil bergab geht. Spitzenkandidat Siegmund sieht sich für die Landtagswahl im September der absoluten Mehrheit nahe, seine Anhänger feiern ihn längst als den künftigen Ministerpräsidenten.
In ostdeutschen Bundesländern wie Sachsen-Anhalt wird die AfD längst nicht mehr als rechtsextrem wahrgenommen und gewählt, sondern als eine Partei wie jede andere. Das ist einer der größten strategischen Erfolge der AfD. Doch vor allem die Schwäche der anderen Parteien könnte Siegmund an die Regierungsspitze heben – zunächst aus rein mathematischen Gründen: Die absolute Mehrheit der Mandate erreichen könnte die AfD, wenn Grüne und FDP, vielleicht sogar die SPD unter der Fünfprozenthürde bleiben und das Bündnis von Sahra Wagenknecht (BSW) den Einzug in den Landtag verfehlt. In Umfragen kratzen sie alle an der Fünfprozenthürde. Besonders profitieren könnte die AfD, wenn zur Wahl etwa BSW-Anhänger kurzerhand auf die AfD umschwenken, weil das Bündnis in den Umfragen chancenlos dasteht. Siegmunds Partei könnte dadurch mehr Mandate erringen als CDU und Linke zusammen. Siegmund würde Chef einer AfD-Alleinregierung.
Kann Siegmund CDU-Anhänger gewinnen?
Abhängen wird das AfD-Ergebnis auch davon, ob die Partei wie in den jüngst vergangenen Wahlen erneut bisherige Nichtwähler mobilisiert – bei den vergangenen Landtagswahlen waren in Sachsen-Anhalt stets 40 Prozent der Wahlberechtigten zu Hause geblieben. Der Magdeburger Politikwissenschaftler Roger Stöcker prognostiziert hier einigen Zuwachs: "Wir sehen bei den Wählern so ein 'Vieles ist möglich'-Gefühl", sagt er der ZEIT am Telefon. Bei vielen AfD-Anhängern würde die gefühlte Ohnmacht gegen die politischen Verhältnisse derzeit durch eine neu empfundene Selbstwirksamkeit abgelöst. Sie nutzen ihre Stimmen für eine Denkzettelwahl gegen die etablierten und regierenden Parteien. Die AfD bedient diesen Trend, indem sie Landtagswahlen zu Schicksalswahlen hochstilisiert und auf Wahlplakaten den regierenden Parteien Versagen vorwirft: "Ihr hattet 30 Jahre Zeit."
Das AfD-Ergebnis wird auch davon abhängen, ob die Partei neben ihrer radikalen Stammwählerschaft auch bisherige CDU-Anhänger überzeugen kann, die von dem wenig charismatisch auftretenden Spitzenkandidaten Sven Schulze enttäuscht sind. An Wirtschaftsminister Schulze hatte der populäre Landesvater Reiner Haseloff jüngst das Amt des Ministerpräsidenten abgetreten, um dem wenig bekannten Kandidaten ein wenig Amtsbonus zu verschaffen. Seitdem aber der von vielen Wählern als Sicherheitsanker empfundene Haseloff im Ruhestand ist, sinken die Umfragezahlen der CDU. Ob die AfD dort wildern kann, dürfte sich auch am Auftritt ihrer AfD-Wahlkämpfer entscheiden. Eine rhetorisch weniger radikale AfD könnte für CDU-Anhänger durchaus wählbar sein.
Bereits zu beobachten ist beim Parteitag in Magdeburg eine Art rhetorische Arbeitsteilung: AfD-Landeschef Martin Reichardt spricht in hetzerischem Ton von seiner AfD als "Rammbock des Volkes" und erklärt die SPD zu "schäbigen Arbeiterverräter". Spitzenkandidat Siegmund dagegen überlässt den extremistischen Auftritt seinen Parteikollegen. Mit durchgedrücktem Rücken, aber in konziliantem Ton gibt er vor den etwa 250 Delegierten in der Halle den Brückenbauer, der "Ministerpräsident aller rechtschaffenen Sachsen-Anhalter" sein wolle. Siegmund war bis 2024 selbst sechs Jahre CDU-Mitglied. Seine strategische Mäßigung könnte sich für die AfD positiv auswirken, weil sie die radikalen Politikziele überdeckt.
"Siegmunds unpolitische Freundlichkeit kommt bei den Anhängern an", sagt der Hallenser Politologe Johannes Varwick der ZEIT am Telefon. "Der ist doch kein Nazi", sei der Eindruck, den Siegmund in der Öffentlichkeit hinterlasse. Sichtbar wird der völkische Extremismus erst in der zweiten Reihe, etwa bei Co-Fraktionschef Oliver Kirchner oder bei dem einflussreichen Landtagsabgeordneten Hans-Thomas Tillschneider, dem Vater des Sachsen-Anhalter AfD-Wahlprogramms, das die Landesführung selbstbewusst Regierungsprogramm nennt. Deren Rhetorik, darunter der AfD-Begriff der Altparteien, etabliere sich mittlerweile im Land in der Mitte der Gesellschaft und sei sogar schon unter Unternehmenschefs gebräuchlich, sagt Varwick.
Auszahlen für die AfD im Land könnte sich auch – bei aller bekannten Radikalität – die vereinzelt zu beobachtende programmatische Abrüstung: So ist die AfD zwar gegen das Grundrecht auf Asyl, benutzt den aufgeladenen Kampfbegriff der Remigration und befriedigt damit weiter auch ihre radikalen Stammwähler. Sie verzichtet aber gegenwärtig auf die früher oft lautstark verlangte Abschaffung des Verfassungsschutzes. Keine Mehrheit fand in der Programmdebatte auch das Ansinnen, christliche Feiertage zugunsten germanischer Feste zu streichen, ein Antrag auf Verbot der religiösen Beschneidung Minderjähriger wurde zurückgezogen.
Wahlkämpfe der AfD waren zuletzt weitgehend Selbstläufer – es kam darauf an, wenig Fehler zu machen, die Wähler kamen ja stets von allein. Die Wahlerfolge der Partei gründen sich seit jeher auf wenige Schlager: die weitgehende Ablehnung von Migration und Energiewende sowie das Schüren eines allgemeinen Gefühls der Unzufriedenheit, verbunden mit Abstiegsangst der Mittelschicht. "Über weite Strecken mobilisiert die AfD über Gefühle und Emotionen", sagt der Potsdamer Parteienforscher Werner Krause. Konkrete Politik sei dabei Nebensache. Die durchaus relevante Frage etwa, wie der personalintensive Pflegesektor kurzfristig ohne Einwanderung von Fachkräften auskommen soll, tritt in AfD-Reden zur Migrationspolitik vollkommen in den Hintergrund.
Mit der AfD-Machtübernahme würde ein Szenario eintreten, vor dem nicht nur alle anderen Parteien und Demokratieverteidiger laut warnen, weil sie die Grundfesten der freiheitlich-demokratischen Grundordnung gefährdet sehen. Auch innerhalb der AfD sieht man eine Regierungsübernahme Siegmunds skeptisch, wenn auch aus anderem Grund. Gespräche, die die ZEIT führen konnte, zeigen: Man traut dem "TikTok-Hallodri" Siegmund und seiner Mannschaft den Job einfach nicht zu. Offen sagt das aber keiner. Dafür erklärt es der Hallenser Politikwissenschaftler Johannes Varwick. Die Führungskader der Landes-AfD seien "intellektuell begrenzte Vereinfacher", die mangels Befähigung zum komplexen politischen Denken in normalen Parteien nicht reüssieren würden, sagt er. Deshalb habe selbst die Bundesebene der Partei kein gesteigertes Interesse daran, dass Sachsen-Anhalt AfD-regiert wird. Das Risiko sei zu hoch, die Wähler zu enttäuschen, weil die AfD am Umsetzen ihrer vollmundigen Wahlversprechen scheitern und der Wähler nicht verstehen könne, dass eine Landespartei nicht mal eben Benzin und Diesel billiger machen kann.
Dagegen sind die internen Kämpfe des zerstrittenen Verbandes und die Spätfolgen des Anstellungsskandals für Siegmund mittlerweile kein Risikofaktor mehr. Den Skandal hatte ein Mitglied aus den eigenen Reihen enthüllt – Abgeordnete hatten reihenweise Familienangehörigen Jobs bei anderen AfD-Abgeordneten verschafft. Bisher gelang es Siegmund und den anderen betroffenen Wortführern, die Vorwürfe als "Hetzkampagne der Medien" abzutun und wegzumoderieren – lautstark und emotional. Die Einstufung des Landesverbandes durch den Verfassungsschutz als gesichert rechtsextrem von 2023 hat der Partei nicht geschadet. "Der Wählerpool der AfD lässt sich nicht dadurch abschrecken", sagt Krause.
Stromlinienförmige Willensbildung
Auch dass die AfD die großen Kirchen zum Erzfeind erklärt hat und ihnen die historisch begründete Staatsfinanzierung versagen will, dürfte ihr nicht schaden. Im stark säkularisierten Sachsen-Anhalt mit den im Ländervergleich wenigsten Christen lässt sich durchaus damit punkten. Denn selbst die großen Sozialwerke der Kirchen, die in der Seniorenpflege und Behindertenarbeit unverzichtbar sind, haben sich gegen die AfD ausgesprochen – werden also als Feinde eingestuft.
Von der Dynamik vergangener Parteitage war in Magdeburg nichts zu spüren. Der einst von der AfD gepflegte Streit um Details ist einer stromlinienförmigen Willensbildung gewichen. Wo es sonst Anträge zur Geschäftsordnung hagelte, blieb in der Tagungshalle alles friedlich. Der eigentlich auf zwei Tage angesetzte Parteitag endete noch am Samstag. Die AfD ist in Sachsen-Anhalt nicht nur normalisiert und etabliert, sondern auch in sich selbst gewöhnlicher geworden.
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