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Was der Ukraine-Beitritt jetzt für Europas Landwirtschaft bedeuten würde


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Datum: 11.04.2026

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Was der Ukraine-Beitritt jetzt für Europas Landwirtschaft bedeuten würde

Die Ukraine soll in die EU. Für Europas Bauern wäre das ein historischer Umbruch. Für Ostdeutschland vielleicht der größte.

Vor den Toren der EU steht ein Agrarriese und wartet auf den Einlass. Mit der Ukraine käme ein Land in die Union, das groß genug ist, um nicht nur den Wettbewerb auf den Märkten zu verändern, sondern auch die gesamte Agrarpolitik der EU infrage zu stellen.

„Das aktuelle Fördersystem der Gemeinsamen Agrarpolitik wäre mit einem Beitritt der Ukraine in seiner heutigen Form nicht mehr finanzierbar“, sagt Phillip Brändle von der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) im Gespräch.

Brändle ist Referent der AbL – eines Verbands, der die bäuerliche Perspektive gegen die große Agrarindustrie verteidigt. Die AbL, sagt er, unterstütze die europäische Integration der Ukraine ausdrücklich. Die Erweiterung der EU und die Stärkung europäischer Werte im globalen Kontext seien für die AbL wichtig, sogar notwendig. „Das begrüßt und unterstützt sie in der Sache“, sagt er. Und dann kommt das Aber. „Gleichzeitig ist das aus landwirtschaftlicher Perspektive mit verschiedenen Herausforderungen verbunden.“

Die Größe der ukrainischen Landwirtschaft

Die Ukraine ist kein normaler Beitrittskandidat. Politisch ist die Richtung längst eingeschlagen. Der EU-Rat beschloss im Dezember 2023, die Beitrittsverhandlungen mit der Ukraine zu eröffnen. Im Juni 2024 wurden sie formell gestartet.

2020 verfügte die Ukraine über rund 41,3 Millionen Hektar Landwirtschaftsfläche, davon 32,7 Millionen Hektar Ackerland. Zum Vergleich: Die gesamte EU kam auf rund 157 Millionen Hektar landwirtschaftlich genutzte Fläche. Das EU-Parlament beschreibt die Ukraine als ein Land mit außergewöhnlich günstigen Bedingungen für Landwirtschaft, riesigen Schwarzerdeböden und einer Produktion, in der Weizen, Mais und Sonnenblumen eine zentrale Rolle spielen.

Schon diese Größenordnung macht klar, warum die Landwirtschaft zu den heikelsten Kapiteln eines möglichen Beitritts gehört. Die Integration des großen ukrainischen Agrarsektors stelle für die EU eine Herausforderung dar, „insbesondere ohne vorherige Reform der gemeinsamen Agrarpolitik“, heißt es in einem Briefing des Parlaments. Anders gesagt: Der mögliche Beitritt der Ukraine ist ein Stresstest für die Gemeinsame Agrarpolitik, die GAP.

Agrarökonom sieht Chancen im EU-Beitritt der Ukraine

Thomas Herzfeld, Agrarökonom am Leibniz-Institut für Agrarentwicklung IAMO in Halle, sieht keinen unmittelbaren Schock. Auf die Frage, ob ein Beitritt überhaupt realistisch sei, antwortet er: Die Intentionen seien klar und der Druck groß, das Vorhaben umzusetzen.

Gleichzeitig brauche es für einen Beitritt die Einstimmigkeit aller Mitgliedstaaten. Und gerade in Ländern wie Ungarn oder der Slowakei gebe es Widerstand, sagt Herzfeld. Hinzu komme die Ungewissheit über den weiteren Kriegsverlauf und die Frage, wie die EU die Ukraine behandeln will, ohne andere Beitrittskandidaten politisch vor den Kopf zu stoßen.

„Die Ukraine bringt ungefähr ein Viertel der derzeitigen EU-Agrar- oder Ackerfläche mit“, sagt der Agrarökonom. Das sei jedoch nicht nur ein Risiko, sondern auch eine strategische Chance. Die EU würde auf den Weltagrarmärkten stärker werden und ihr Einfluss auf globale Ernährungssicherung nähme zu. „Es gibt eine Reihe von Vorteilen für die Zulieferer von landwirtschaftlichen Maschinen und Inputs aus Deutschland, Frankreich und anderen westeuropäischen Ländern. Deren Absatzmärkte könnten sich verbessern. Auch Investitionen in die Infrastruktur und ähnliche Bereiche dürften profitieren.“

Warum Bauern vor Preisdruck und weniger Fördergeld warnen

Die EU-Kommission selbst ließ die Folgen einer Erweiterung 2024 in einem Workshop durch externe Experten durchspielen. In der Zusammenfassung heißt es, die Erweiterung biete „erhebliche Chancen“.Die Experten gehen davon aus, dass eine EU-Erweiterung nicht alle Bereiche der Landwirtschaft gleich treffen würde. In manchen Märkten könnte es zu mehr Konkurrenz und Preisdruck kommen, zum Beispiel bei Getreide, Zucker, Fleisch, Obst und Gemüse oder Milch.

„Die landwirtschaftlichen Einkommen in der EU bestehen, vereinfacht ausgedrückt, ungefähr zu 50 Prozent aus Fördermitteln der Gemeinsamen Europäischen Agrarpolitik. Und der andere Teil sind Einkommen, die man am Markt generiert“, sagt AbL-Vertreter Brändle. „Und beide Bereiche werden von dem Beitritt der Ukraine unmittelbar betroffen.“

Es geht um zwei Fragen. Erstens: Würde mehr Ware auf den Markt drängen und dadurch Druck auf Preise und Erlöse ausüben? Und zweitens: Was passiert mit einem Fördersystem, das bis heute stark an Fläche gebunden ist, wenn mit der Ukraine ein Land mit riesigen Flächen hinzukommt?

Das Problem der EU-Agrarpolitik

Die wichtigste Einkommensstütze der laufenden Förderperiode der Gemeinsamen Agrarpolitik ist eine jährliche, flächengebundene Zahlung pro förderfähigem Hektar. Die EU-Kommission beschreibt die Förderung selbst als wichtigstes Mittel zur Stützung landwirtschaftlicher Einkommen in der Union.

Wer viel Fläche bewirtschaftet, bekommt grundsätzlich mehr Geld. „Wenn die Ukraine beitritt, würden wir mit dem gleichen Geld sehr viel mehr Fläche fördern müssen“, sagt Brändle. „Das würde die GAP in ihrer jetzigen Form sprengen.“ Im Kern gäbe es nur drei Möglichkeiten: mehr Geld in den Topf, weniger Geld pro Hektar oder eine andere Verteilung der Mittel.

Für Agrarexperte Herzfeld ist die Ukraine jedoch nicht der einzige Grund, warum die EU ihre Agrarpolitik umbauen muss. Sie sei „ein Faktor von vielen, aber nicht der alleinige“. Der Druck auf das System sei ohnehin da. „Wenn wir uns die Effektivität der Instrumente anschauen, also wie viel Beitrag die Basisprämie für Umweltgüter liefert, dann ist der Effekt relativ gering“, sagt Herzfeld. „Deswegen sagen viele Agrarökonomen: Diese Instrumente sind nicht effizient.“

Öffentliche Gelder, so Herzfeld, sollten stärker an Leistungen gebunden werden, die der Markt eben nicht von selbst bezahlt: Schutz von Grund- und Oberflächengewässern sowie Biodiversität, Förderung von Moorvernässung und andere Potenziale der Kohlenstoffbindung, regionale Strukturpolitik.

Genau dort setzt auch die Kommission mit ihren Vorschlägen für die GAP für 2028 bis 2034 an. Sie will die Einkommensstützung stärker degressiv gestalten. Zahlungen für größere Betriebe sollen dabei schrittweise sinken, bei 100.000 Euro pro Betrieb und Jahr wäre eine Obergrenze erreicht.

Gleichzeitig will sie öffentliche Mittel stärker auf die Betriebe konzentrieren, die Unterstützung brauchen. Die Direktzahlungen machen nach Kommissionsangaben im EU-Schnitt heute rund 19 Prozent des landwirtschaftlichen Einkommens aus.

Was für Ostdeutschland auf dem Spiel steht

Große ostdeutsche Betriebe wären von einer Kappung spürbar betroffen, sagt Herzfeld. Betriebe mit deutlich mehr als 1500 oder 2000 Hektar würden „natürlich Einbußen haben“. Im Durchschnitt bewirtschaftet ein landwirtschaftlicher Betrieb in Deutschland rund 61 Hektar. In Ostdeutschland liegen die Werte weitaus höher. Je größer ein Betrieb ist, desto stärker wirken flächengebundene Zahlungen. Und je stärker die EU künftig kappen, deckeln oder umverteilen würde, desto deutlicher träfe das gerade diese Regionen. Gleichzeitig sieht er darin einen möglichen Einstieg in den Ausstieg aus pauschaler Flächenförderung.

Neu ist die Idee der Kappung nicht. Schon in früheren Reformrunden wollte die Kommission große Betriebe stärker begrenzen. Bereits in der GAP 2014–2020 mussten Direktzahlungen über 150.000 Euro um mindestens fünf Prozent gekürzt werden.

Bislang wehren sich vor allem große Agrarbetriebe und ihre Verbände gegen Obergrenzen und sinkende Zahlungen für große Höfe. Brändle glaubt allerdings, dass sich diese Haltung mit einem Ukraine-Beitritt schnell ändern könnte. „Diejenigen, die heute gegen Kappung und Degression kämpfen, könnten morgen die Ersten sein, die danach rufen“, sagt er. „Einfach deshalb, weil sie nicht akzeptieren würden, dass riesige ukrainische Betriebe für jeden Hektar dieselbe Basisprämie erhalten wie sie selbst.“

Experte: Der Wettbewerb um Agrarmärkte läuft längst

Nach Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine startete die Kommission 2022 die sogenannten Solidarity Lanes – alternative Verkehrswege über Straßen, Schienen und Binnenwasserstraßen. Seitdem wurden über diese Korridore fast 209 Millionen Tonnen Güter aus der Ukraine exportiert, darunter fast 90 Millionen Tonnen Getreide, Ölsaaten und verwandte Produkte.

Zugleich führten große Mengen in Grenzregionen und benachbarten Märkten zu Protesten, vor allem in Osteuropa. Im Juli 2024 löste die EU sogar die automatische Notbremse für Eier und Zucker aus. Damit wurden Zollkontingente wieder eingeführt, weil die Schwellenwerte erreicht waren.

Herzfeld betont, mit dem Beitritt beginne nicht plötzlich ein völlig neuer Wettbewerb. Konkurrenz gebe es längst schon, weil Agrarmärkte global verflochten sind. „Deutschland produziert in vielen Bereichen exportorientiert“, sagt er. Die Preise würden nicht nur im Dorf oder im Landkreis gemacht, sondern auf Weltmärkten. „Als der chinesische Markt für Schweinefleisch wegbrach, drückte das auch hierzulande die Preise – unabhängig davon, ob einzelne Betriebe direkt exportierten.“

Hinzu käme, dass sich die heutigen Produktionsvorteile der Ukraine nicht einfach eins zu eins in die Zukunft fortschreiben ließen, so der Agrarökonom. Mit dem Beitrittsprozess müssten EU-Regeln übernommen werden – „vom Pflanzenschutz über Wasserrecht bis zu Natura-2000-Vorgaben“. Rechtlich müssten viele Standards schon vor oder kurz nach einem Beitritt gelten. Die wirtschaftliche Umstellung, etwa über höhere Löhne, andere Kosten und veränderte Nachfrage, werde dagegen Jahre dauern. „Die rechtliche Anpassung und die tatsächliche Anpassung im Wirtschaftsleben sollte man immer schön trennen“, sagt er.

Woran die EU jetzt nicht mehr vorbeikommt

„Mir fehlt im Moment noch die Vorstellungskraft, wie man als EU-Kommission in der Ukraine flächendeckend die Einhaltung von Mindeststandards sicherstellt“, sagt Brändle. „Selbst in Deutschland sind lange Übergangsfristen bei Umbauten oder Haltungsstandards oft umstritten“, so sein Einwand. „Warum sollte das in einem kriegsgezeichneten Land mit ganz anderer Agrarstruktur plötzlich schneller und reibungsloser funktionieren?“

Der mögliche Beitritt der Ukraine bedroht die europäische Landwirtschaft also nicht einfach von außen. Er legt offen, was im Inneren längst nicht mehr zusammenpasst. Es geht nicht nur um Bauern. Es geht um Milliarden aus dem EU-Haushalt, um Preise im Supermarkt, um die Zukunft des ländlichen Raums, um Europas Rolle auf den Weltmärkten.

Ein Beitritt könnte die EU auf den Weltagrarmärkten stärken, ihren Einfluss auf Versorgungssicherheit und Handel erhöhen und neue Märkte für Maschinen, Infrastruktur und Dienstleistungen schaffen. Er würde aber auch Fragen zu Agrarsubventionen, der Verteilung, der Betriebsgrößen und des Wettbewerbs aufwerfen.

Wie lange will die EU Fläche noch pauschal fördern? Wofür genau soll öffentliches Geld in die Landwirtschaft fließen? Und kann ein System, das in ruhigeren Zeiten schon unter Rechtfertigungsdruck stand, einen Beitritt der Ukraine überhaupt verkraften, ohne sich grundlegend zu verändern? Beide Gesprächspartner laufen am Ende auf denselben Punkt zu. Das Problem ist ein Agrarmodell der EU, das schon ohne die Ukraine immer schwerer zu begründen ist.

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ukrin/dpa Ein Mähdrescher erntet Getreide in der Region Odessa im Süden der Ukraine, die auch „die Kornkammer Europas“ genannt wird. Ukrinform/dpa Mais wird auf dem Hof Roksana-K verladen. Die Ukraine ist einer der wichtigsten Produzenten von Getreide und Ölsaaten in Europa.


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